Manierlich respektierlich: Die Sache mit der Benevolenz

Mit Sicherheit gehört dieser Text in die Sexismus- und #aufschrei-Debatte der letzten Wochen, auch wenn er sich auf einen scheinbaren Teilaspekt konzentriert. Ich nehme an, es hat auch was mit der Wahrnehmung und Reflexion der Debatte zu tun, dass ein Freund mich vor ein paar Tagen mit einer Frage anschrieb:

ich bin gerade über einen gedanken gestolpert. in wie weit haben gute manieren in zeiten des feminismus ihre gültigkeit? wollen moderne frauen die tür aufgehalten oder den einkauf nach hause getragen bekommen?
ich war heute mit meiner mitbewohnerin in der mensa. wir habenein uns ein tablett geteilt und ich fühlte mich blöd dabei, dass sie es getragen hat. die leute hätten ja denken können: „guck mal, jetzt trägt sie das schwere tablett und er geht mit leeren händen voran.“
grüße, T.

Ich war grade irgendwo und eigentlich beschäftigt mit irgendwas und tippte schnell eine Antwort zusammen (irgendwas im Sinne von „ich trage mein Mensatablett eigentlich sehr gerne selbst), mit der ich nicht so richtig zufrieden bin. Das kann man besser erklären, dachte ich mir, und habe T. gefragt, ob ich seine Frage auf mein Blog mitnehmen darf. Darf ich. Also.

nippesfiguerchen

Lieber T.,

ich war ein bisschen überrascht, als ich gemerkt habe, dass deine Frage mit den „guten Manieren“ sich als etwas komplizierter herausstellt, als ich erst angenommen habe. Ich hab es mir einfacher vorgestellt, mir schnell eine Antwort oder Erklärung einfallen zu lassen, mit der ich zufrieden bin und die für mich klingt, als ob sie dir weiterhilft.

Vielleicht liegt das Problem darin, dass ich mit dem Thema ein größeres Unbehagen habe, als ich zunächst dachte und keine Möglichkeit finde, ein kinderleichtes „How To Be A Feminist Gentleman?“ zu entwerfen. Gentleperson? Da geht’s schon los.

(Dies wird ein Text über „Männer“ und „Frauen“, obwohl ich gar nicht so glücklich damit bin. Ein Freund meinte, ich könnte disclaimernd formulieren, dies sei Ausdruck  gesellschaftlicher Machtstrukturen, die mich zwingen, dieses Thema so zu besprechen – als ob es nur „Männer“ und „Frauen“ gäbe. Es folgt also ein Reden über zwei Rollenkonzepte, und die Art, wie sie innerhalb des heteronormativen Systems aufeinander bezogen sind.)

In der Sexismusdebatte in den Medien und auf Twitter der letzten Wochen wurde immer mal wieder darauf hingewiesen, dass das in den Diskussionen über dieses Thema oft an der Oberfläche verblieben und eine fundierte Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Problem, der zutiefst verinnerlichten vergeschlechtlichten Zuschreibung (von Frauen und Männern) und Abwertung (von Frauen), fehlen würde. Vielleicht ist das Manierenthema ein guter Punkt, um dies zu verdeutlichen.

Bestimmt sind „gute Manieren“, hier gemeint als die besonders höfliche und zuvorkommende Behandlung von Frauen durch Männer, für die meisten Menschen etwas positives. Statt um Abwertung scheint es ja eigentlich um besonderen Respekt für Frauen zu gehen. Wo ist also das Problem?

Im Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung ist Sexismus als eine „duale Bewertungsstruktur“ beschrieben, die sich aus zwei Aspekten zusammensetzt: ablehnende, feindseelige Einstellungen (hostile) und subjektiv positiven, wohlmeindenden Einstellungen (benevolent). (Selberlesen geht hier.)Das ist der Knackpunkt: Benevolenz, laut dem Handbuch auch Ritterlichkeit oder Kavalierstum, bedeutet ursprünglich Wohlwollen, Gutmütigkeit und Gewogenheit (las ich hier) und verbirgt seine Problematik also hinter einem riesen Haufen guten Zeug. Oder?

Weiter im Handbuch. Eckes beschreibt den sexistischen Charakter der Benevolenz in folgenden Punkten:

  1. Belohnung von Frauen bei der Erfüllung ihrer traditionellen Rollen.
  2. Begrenzung auf soziale Situationen mit klar definierten geschlechtstypischen Rollen (zum Beispiel Dominanz des Mannes und Submissivität der Frau im hierachisch strukturierten beruflichen Umfeld).
  3. Teil einer betont frauenfreundlichen Selbstdarstellung von Männern, allerdings nur bezogen auf „gute“ Frauentypen wie die Hausfrau oder die typische Frau, im Unterschied etwa zur Karrierefrau.

In anderen Worten: problematisch an benevolentem Verhalten oder Sichtweisen ist, dass ein bestimmtes Frauen- und Geschlechterbild darin fest- und fortgeschrieben wird. Sie manifestieren ein Weltbild, in dem Frauen schwache, zarte Wesen sind, die über keine eigene Körperkraft verfügen und die in einer Sphäre verortet sind, in der Schmutz, Lärm und Kraftausdrücke verboten, Sanftheit, Zärtlichkeit und Sensibilität aber obligatorisch sind. Die Geschlechterrolle ist nicht nur eng definiert und eingegrenzt, sie ist auch noch hierarchisch strukturiert: Die Frau ist untergeordnet. Dem Mann. So gelesen ist benevolentes Verhalten eine Belohnung für eine „richtige“ Rollenperformance. Ein Beispiel ist das Türen aufhalten: Netterweise wird der Frau die körperliche Arbeit dabei abgenommen, gleichzeitig manifestiert sich männliche Kontrolle: Wer die Tür aufhält bestimmt, wer in welcher Reihenfolge hindurchgeht. Und verweist so auf die soziale Geschlechterordnung.

So werden auf der einen Seite in derartigen Praxen also Geschlechterstereotype aufgerufen, wiederholt und verfestigt und die tradtionelle Machtkonstellation von Männern und Frauen reproduziert – und das alles kulminiert sich hinter dem der zur Schau getragenen besonderen Freundlichkeit zu Frauen – schon paradox.

Diese Lese- und Interpretationsart von kulturellen Praxen vor Kistentragen, Stuhl zurecht rücken oder eben Türen aufhalten ist eine symbolische. Machen sich Männer, die dies tun, zu gemeinen Sexisten, deren geheimer Plan, die Unterdrückung von Frauen und die Einzwängung aller Menschen in ungemütlichen, engen Geschlechterrollen, sich somit enttarnt und die mit sperrigen Damenhandtaschen vermöbelt gehören?

Wohl nicht. An dieser Stelle kommen in Gesprächen manchmal die Fragen, die mit „Aber darf man denn gar nicht mehr…?!“ anfangen. Deshalb: Ich will nichts darüber sagen, was man nicht darf. Und darüber, wie andere Menschen, andere Frauen, sich fühlen, wenn ihnen die Tür aufgehalten oder explizit kein Schirm angeboten wird, auch nicht.

Was ich versuche zu sagen ist: In kulturellen Praxen unserer Gesellschaft, zum Beispiel in dem Feld der „guten Manieren“ liegen Verweise auf ein Geschlechterverhältnis, das zutiefst problematisch ist. Die mögliche Verunsicherung, die daraus entsteht, die Fragen die sich über das Zusammenleben ergeben und den Umgang damit, dass wir in ein machtvolles Geschlechtersystem gezwängt sind, das wir einen Riesenhaufen von historisch verfestigten Konnotationen und Machtstrukturen immer mit uns rumtragen – die nicht mal eben einfach so zu beantworten.

Diese Verunsicherung ist unbequem. Aber sie ist auch ein gutes Beispiel dafür, was gemeint ist, wenn so oft gesagt wird, dass Geschlechterrollen eben für alle Menschen, auch für Männer ein Problem sein können. Jetzt haben wir eben den Salat. Das Unbehagen ist da und die Arbeit, damit zurechtzukommen, müssen sich alle machen.

Statt einfachen Antworten und How-To Verhaltenstipps fällt mir dann auch nur noch ein, den Anlass mit einer Einladung zum Nachdenken zu nutzen. Sehr gerne mit Bauchnabelschau, sehr gerne im Gespräch mit anderen.

Ein paar Fragen könnten eine Anregung sein:

Fühlst Du dich wohl, wenn Du eine Tür aufhälst? Wenn jemand dir etwas heruntergefallenes aufhebt? Ein Tablett nicht trägst? Wenn jemand zur Begrüßung deine Hand küssen würde? Wenn sich alle Menschen in einer Runde mit Handschlag begrüßen und von Dir erwartet wird, stattdessen einen Wangenkuss auszutauschen? Wenn ja: Warum? Wenn nein: Warum nicht? Unter welchen Bedigungen würdest Du eine ähnliche Situation vielleicht anders bewerten? In einem anderen Raum, mit anderen Begleitpersonen, mit anderen Beobachtenden? Welche Rolle spielt in diesen zahllosen, kleinen Alltagssituationen das Geschlecht deines/deiner Gegenübers? Welche Rolle spielt deine Vorstellung von den tatsächlichen körperlichen und geistigen Kompetenzen anderer Menschen? Wo ist Platz für vielleicht liebgewonnene kleine Riten und wo Platz für neue Überlegungen und Ansichtweisen? Und wie können „nett sein“, „Rücksicht“ und „Zuneigung“ im Alltag performt werden, ohne problemtische Strukturen zu verfestigen?

Tipps zum Weiterlesen:

Mehr zu „wohlwollendem Sexismus“ steht in diesem Text von Feminismus 101 (die Seite ist übrigens rundum empfehlenswert.) und den dort aufgeführten Links.

Erving Goffman beschreibt das Phänomen auch ganz gut in seinem Aufsatz „Das Arrangement der Geschlechter.“ Der ist schon von 1977 und blieb nicht unkritisiert, veranschaulicht aber die hier beschriebene Thematik recht gut und liest sich einigermaßen fluffig:
Goffman, Erving: Das Arrangement der Geschlechter. In: Hubert Knoblauch (Hrsg.): Interaktion und Geschlecht. 2001.

Eckes, Thomas: Geschlechterstereotype: Von Rollen, Identitäten und Vorurteilen. S.178-189. In: Becker, Ruth; Kortendieck, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorien, Methoden, Empirie. 3., erweiterte und durchgesehene Auflage, 2010.

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15 Kommentare zu Manierlich respektierlich: Die Sache mit der Benevolenz

  1. T. sagt:

    Liebe Fiann,
    am meisten hat mir die Frage geholfen, ob das Geschlecht des Menschen relevant ist, dem ich ein Gentleman bin. Tatsächlich halte ich ja auch Männern (im Fach stehende mögen hier die aus Unsicherheit von mir weggelassene gegenderte Form lesen) die Tür auf.
    Trotzdem bleibt ein Unbehagen, wenn die Freundin ihren eigenen schweren Einkauf trägt, weil sie nicht daran gedacht hat einen bequemeren Rucksack mitzunehmen. Damit muss ich aber wohl selbst fertig werden.

    Vielen Dank für deine Gedanken
    T.

  2. wildorchid sagt:

    Liebe Fiann, lieber T., liebe Leser,

    ist nicht jeder Mensch, unabhängis seines Geschlechtes wertvoll? Verdient mein Gegenüber nicht allein durch seine / ihre Anwesenheit würdigen Respekt und Achtung? Wäre das Leben nicht erfreulicher, wenn jeder den anderen etwas aufmerksamer beachten würde? Ist es nicht auch so, dass wir Menschen im täglichen Alltag dazu neigen, andere zu übersehen, weil wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind? Und ist nicht gerade der Wunsch, dies zu vermeiden, der Grund, weshalb Regel für das Benehmen entwickelt wurden? Vielleicht auch deshalb, weil unsere Phantasie, Möglichkeiten zu finden, anderen zu zeigen, wie viel sie uns bedeuten, sich manchmal wegen unserer Gedankenlosigkeit oder des Stresses, den wir gerade haben, sich oft in Grenzen hält?
    Zugegeben, einige dieser „Gesetze“ sind daraus entstanden, dass Männer und Frauen im Hinblick auf ihre Möglichkeiten des unterschiedlichen Krafteinsatzes bestimmte Aufgaben in der Gesellschaft hatten. Die Regelungen gingen einerseits darum, die Frauen zu beschützen. Zum Beispiel befindet sich die Dame eines rechtshändigen Herren stets zu seiner Linken. Die Rechte Hand benötigt er, um damit das Schwert zu gebrauchen, falls Gefahr droht. Bzw. geht der Herr auf der der Straße zugewandten Seite des Bürgersteiges, damit er seine Dame vor den Gefahren der Staße beschützen kann.
    Er öffnet nicht etwa die Tür einer Gaststätte, um zu bestimmen, in welcher Reihenfolge hinein gegangen wird. Nein, dies tat er, um das Umfeld wegen möglicher Rivalen checken zu können, bevor die Dame den Raum betritt. Den Raum nach ihr zu verlassen hatte wiederum den Grund, den Blick noch einmal schweifen zu lassen, um fest zu stellen, wer „seiner“ Dame – evtl. nur mit eindeutig zweideutigen Blicken – folgt.

    Im heutigen Alltag haben diese Dinge keine große Bedeutung mehr. Dennoch zeigen sie, dass ein Mensch sich für einen anderen Menschen verantwortlich fühlt und ihn vor Unheil bewahren will. Zeigen solche Rituale denn nicht, welche Wertschätzung jemanden für einen anderen Menschen hat?

    Wenn Männer ihren Frauen immer und überall so viel Respekt schenken würden, dann bräuchten wir keine Diskusionen und Aktionen wegen der Gewalt gegen Frauen im Alltag, Vergewaltigung (auch in der Ehe) etc.

    Wenn mir als Frau heute so viel Aufmerksamkeit zuteil wird, fällt es mir doch wesentlich leichter, meinen Alltag zu bewältigen, auch wenn dazu gehört, zu putzen, zu waschen und zu kochen. Trot aller Moderne ist es auch heute in vielen Fällen immer noch paktikabler aus den verschiedensten Gründen, dass die Frau zu Hause optimale Bedingungen für ein friedliches Familienleben herstellt. Und sind nicht chaotische häusliche Verhältnisse vorprogammiert, wenn sie es nicht tut? – Also ist dies eine äußerst wichtige und unverzichtbare Aufgabe. SIE führt einen Kleinbetrieb mit 5-Sterne-Auszeichnung, auch wenn in der öffentlichen Präsenz es meistens die männlichen Menschen sind, die als Sternekoch ausgezeichnet werden.

    Obwohl in den meisten Familien mit Kindern immer noch der männliche Mensch die meiste Zeit den Unterhalt erarbeitet, den die Familie benötigt, um das tägliche Leben bestreiten zu können, erhält das Leben einer Familie doch in den allermeisten Fällen erst dann die angestrebte Erfüllung, wenn alle Beteiligten ihre Rolle erfüllen. Für einen alleine wird die Erfüllung dieses Zieles merklich schwerer.

    Und haben wir heute in unserem Benimm-Ratgeber nicht solche Regeln wie:
    Das Handy beim Restaurantbesuch oder Besuchen einer öffentlichen Veranstaltung ausschalten oder: mein Gegenüber ansehen, wenn ich mit ihr / ihm spreche. ?

    Ist es nicht traurig, dass jemandem dies überhaupt beigebracht werden muß?

    Warum sich dann nicht gegenseitig mit kleinem Aufmerksamkeiten im täglichen Leben belohnen und diese dankbar und erfreut als Wohlwollen empfinden und annehmen?

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  4. berta karotin sagt:

    „Es folgt also ein Reden über zwei Rollenkonzepte, und die Art, wie sie innerhalb des heteronormativen Systems aufeinander bezogen sind.“

    Ich bin Laie in dieser Frage. Daher interessiert mich besonders, welche Rollenkonzepte es neben diesen gibt. So wie ich es – laienhaft – beobachte, wollen z.b. Transpersonen eine andere, aber eben eine dieser beiden Rollen einnehmen. Inter und Homo sind m.E. keine Rollenkonzepte. Um welche Rollenkonzepte jenseits von „mänlich“ und „weiblich“ gibt es?

    • fiann sagt:

      Ich würde das so beschreiben, dass schon die beiden Kategorien „Mann“ und „Frau“ auf verschiedene Weisen ausgelegt und gefüllt werden können und dass das traditionelle Geschlechterverhältnis, auf das ich mich in meinem Text beziehe, nur eine von vielen denkbaren Möglichkeiten darstellt. Und dass es eben weiterhin viele Identitätskategorien gibt, die darüber hinausgehen und mit dem dem binären Mann/Frau-Konzept unvereinbar sein können, aber auch nicht unbedingt müssen. Beispiele die mir spontan einfallen (und überhaupt gar nicht vollständig sind) wären Identitäten wie Femme, Tunte oder Zwitter. (Hoffentlich versteht sich von selbst: Hier sind Selbstbezeichnungen und keine Fremdzuschreibungen gemeint.)

      Weiterhin würde ich mehr Bedacht in homogenisierenden Aussagen über Trans*personen anraten: diese als eine einheitliche Gruppe, die „irgendetwas will“ zu bezeichnen, ist womöglich nicht so glücklich formuliert.

  5. cachedmemories sagt:

    Also ich halt auch Männern die Tür auf. Finde ich total klar, das ich den Leuten, die auch gerade rausgehen, nicht einfach das Ding vor die Nase knallen lasse. Muss ich dann immer schmunzeln wenn (was selten passiert) das zufällig eine Frau ist und die denkt ich mache das nur deshalb. 🙂

    [WORDPRESS HASHCASH] The poster sent us ‚0 which is not a hashcash value.

  6. Jolene sagt:

    Ich (cis*Frau, wahrscheinlich hetero) halte grundsätzlich jede Tür hinter mir auf, egal wer nach mir hindurch geht – es sei denn, ich habe keine Hand mehr frei. 😉

  7. Honey Badger sagt:

    Hi zusammen,

    ich haben mit dem „benevolenten Sexismus“ (auch wenn es mir schwer fällt das so zu nennen) auch so meine Erfahrungen.
    Ein Freund von mir ist ein echter Gentleman. Und er meint es auch wirklich gut. Er lässt es nicht aus, Türen aufzuhalten und Taschen zu tragen sowie den besten Platz auf dem Sofa zu räumen, wenn eine „Dame“ den Raum betritt.
    Ich finde das auch gar nicht schlimm und spiele mit, da ich weiß, dass er sich sonst unwohl fühlt.
    Allerdings erwartet er dann auch von mir, mich „damenhaft“ zu verhalten. Zum Beispiel ist es dann nicht okay, wenn ich darauf hinweise, dass die Wohnung bitte nicht so verdreckt werden solle oder dass ich Hilfe in der Küche brauche (denn eine echte Dame ist eine gute Gastgeberin und schweigt über solche Dinge.) Da ernte ich dann immer vorwurfsvolle Blicke, manchmal auch dezente Hinweise auf die ordnungsgemäße Erfüllung meiner Gastgeberinnenrolle – immer so vorsichtig formuliert, dass ich diejenige bin, die die Grenzen der Höflichkeit übertreten hat, und nicht er. 😉
    Ich bin keine Dame, so viel steht fest. Und er weiß das irgendwie auch und hat mich trotzdem gern. Er hätte es eben lieber, wenn ich eine Dame wäre. Aber er kommt damit klar, dass das nun mal nichts wird.
    Eine gemeinsame Freundin von mir will sich aber nicht die Türen aufhalten lassen. Sie fühlt sich dann als kleines Mädchen behandelt und das passt ihr nicht. Diese Einstellung erzeugt bei ihm schon mehr Unmut. Ich argumentierte dann, er könne es ja bei ihr lassen, wenn sie das so ablehne. Dies jedoch widerspricht seinem Selbstbild.
    Die Welt ist kompliziert. Ich sehe trotzdem „benevolenten Sexismus“ nicht als großes Problem. Bei #aufschrei beschweren sich Frauen in aller Regel nicht, weil ihnen die Türen aufgehalten werden. Bei solchen Diskussionen muss man auf Verhältnismäßigkeit achten, damit die wichtigen Forderungen ernst genommen werden.

    Viele Grüße von
    Honey Badger

  8. Hah!
    War dieser Tweet also doch nicht doof- schrieb sie und setzt nun zur Erklärung an.
    Als #Aufschrei tobte, twitterte ich von einem alten Mann*, der mich an der Supermarktkasse vorlies, mit den Worten: „so ne junge Frau die trägt doch so schwer“ (während ich lediglich einen Sack Kartoffeln trug- der Mann hinter mir in der Schlange aber zwei 6er Wasser in den Armen hielt)
    Der erste Teil dieses Tweets wurde retweetet und von Maskus zerpflückt… dabei ging es mir genau um diese Dynamik und war entsprechend definitiv gerechtfertigt.

    Hüüü jetzt hab ich schlaue Wörter mit denen ich das beim nächsten Mal besser beschreiben kann. 😀

  9. Pingback: complexity of compliments | Word up!

  10. Klara sagt:

    einfach nur Danke! zum Denken-Anregen und dafür, dass Du keine vorgefertigten Antworten lieferst!

  11. Sandra Jordash sagt:

    @T.
    Wenn Du die Freundin die Einkäufe nach Hause tragen läßt, welchst Du ja nur in die hostile-Register. Die Frau macht die Hausarbeit, wozu auch Einkäufe gehören. Vlt. kamaradschaftlich den Sack zusammen tragen?
    LG SJ

  12. Sasa sagt:

    Hallo Zusammen,

    Ich stimme dem Artikel als Mann 100% zu, wie vielen Standpunkten auf feministischen Webseiten oder Blogs. Allerdings mache ich oft die Erfahrung, dass in Diskussionen ich da eher die Ausnahme bin – und zwar völlig unterschiedlich vom Geschlecht der MitdiskutantInnen. Auf YouTube gab es eine Diskussionsrunde unter der Überschrift „Is Chivalry Dead?“ also ob „Ritterlichkeit“ tot sei. Es waren sowohl im Video, als auch in den Kommentaren -konkret- meist Frauen, die kritisierten, dass Männer keine Türen aufhalten, nicht die Einkäufe tragen etc. Ich will und könnte auch gar nicht abstreiten, dass Frauen sich (oft) unwohl fühlen, falls sie Opfer von benevolentem Sexismus werden, genausowenig will/kann ich abstreiten, dass Männer sich unwohl fühlen, falls sie nicht „Gentleman“ sein dürfen/sollen. Die -geäußerte- Mehrheitsmeinung ist das aber nicht. Sowohl in den Medien, alks auch im persönlichen Umfeld erlebe ich es eher so, dass es Frauen sind, die Männer als „Grobiane“ etc. bezeichnen – bis hin dazu, dass ich behaupte im Einzelfall sogar Nachteile dadurch haben zu können, falls ich mich NICHT sexistisch verhalte – und zwar auch dann, wenn mein -einziges- Gegenüber eine Frau ist oder sogar das Opfer des konkreten Sexismus wäre. Mit anderen Worten Mann kann Nachteile von handelnden Frauen erfahren, weil er sie NICHT sexistisch behandelt – nicht in der Summe, oder der gesamtgesellschaftlichen Tendenz – im Einzelfall jedoch sehr wohl…

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