Standing Observations

Vor einiger Zeit hat Helga bei der Mädchenmannschaft einen Artikel über geschlechtlich konnotierte Posen geschrieben – also Körperhaltungen die Männlichkeit oder Weiblichkeit herstellen – der mich daran erinnert hat, dass ich hier gerne noch etwas zeigen wollte.

Statue eines Mannes aus einer Kirche in Münster. Ich habe dieses Foto vor etwas mehr als einem Jahr in einer Kirche in Münster gemacht. Die Qualität ist schlecht und das tut mir leid, es ist aber ausreichend für das, um was es mir geht.

Das ist nämlich die Körperhaltung der Person. Obwohl es ziemlich eindeutig so aussieht, als sei hier ein Mann* dargestellt – vielleicht ist es Jesus, ich weiß es nicht – wirkt die Pose der Figur irgendwie… weiblich. Die Figur steht nur auf einem Bein, das andere ist angewinkelt, sie stützt sich auf die Säule, die Hände sind anmutig übereinander gefaltet, der Oberkörper nach vorne geneigt, der Kopf leicht gedreht… der Körper ist nicht stabil auf beide Hände gestützt, sondern nur auf einen Punkt, die Hände liegen noch nicht mal richtig auf der Säule auf, alles an dieser Statue ist sanft, grazil, anmutig. Ich sehe Weichheit und Zartheit, die Gestalt macht sich kleiner als sie ist, ist leicht in sich verdreht, könnte wahrscheinlich leicht umgeschubst werden und mutmaßlich würde niemand sich im alltäglichen Leben je so hinstellen. Kurz: Alles an ihr sagt „Lady“.

Angenommen, ich hätte mich mehr mit Bildhauerei als mit den Gender Studies beschäftigt, ich würde vielleicht eine römische Schönheitsgöttin oder eine sehnsüchtige Königstochter so darstellen, aber wohl nicht den Sohn Gottes oder irgendeinen anderen biblischem Protagonisten.

Ich habe damals leider keine Hinweise zu der Statue gefunden, ich weiß nichts über ihre Entstehung, ihre Komposition und ihr Motiv. Vielleicht ist mein kultureller Vorrat an Vorstellungen darüber, welche Körperhaltung Männlichkeit oder Weiblichkeit ausdrückt historisch so begrenzt, dass es vor einigen Dekaden problemlos möglich war, einen Mann* so darzustellen ohne seine Männlichkeit in Frage zu stellen, vielleicht dient dieser Pose einer bestimmten künstlerischen Intention, vielleicht gibt es eine Geschichte dazu.

Auf jeden Fall sehe ich durch diesen Fund gut illustriert, wie normiert die geschlechtliche Performance vom Körperposen ist, wie das kulturelle Setting, das Männlichkeit und Weiblichkeit codiert, auch ganz anders aussehen könnte und wie anfällig es für Irritationen ist.

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Ein Kommentar zu Standing Observations

  1. Schade- gerade hier wäre es jetzt gut gewesen den Kontext der Skulptur zu kennen.
    Das ist ja etwas, dass mir in Kirchen oft auffällt: Maria und Jesus= Check Joseph (so man ihn findet) = Check
    Apostel und Konsorten hingegen sehen durch die Haltung, die Kleidung und die wenig ausgearbeiteten Gesicht eher geschlechtslos aus- was mich wundert, ist es doch gerade die Kirche die „etwas davon hätte“ „die Heiligen/ Wichtigen/Mächtigen“ als sehr deutlich männlich zu gestalten.
    Es ging doch bei den Bildern darum, den Menschen, die nicht lesen konnten diese „Geschichten/Wahrheiten“ in die Köpfe zu bringen… wieso dann also diese nicht so strikte Ausführung?
    Hat es kulturelle Hintergründe? Hat es religiöse Hintergründe? Hat es kirchliche Hintergründe?

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