GenderCamp 2012

Disclaimer: Ich nehme gerade viel Feedback von Menschen wahr, für die Ereignisse auf dem GenderCamp problematisch und anstrengend waren. Ich glaube, meine Perspektive ist ganz schön „Sonnenschein“, und möchte sie nicht in Ignoranz der Tatsache verbreiten, dass das leider nicht für alle so war. Aus Gründen.

Übernächstes Wochenende fahre ich auf Chorfahrt. Chorfahrt bedeutet, dass mein (eigentlich ehemaliger) Chor in eine Jugendherberge fährt, tagsüber konzentriert probt,  abends gesellig schwatzt und dann bis spät in die Nacht leidenschaftlich weitersingt.

Dieses Wochenende war ich auf dem GenderCamp. Das GenderCamp funktioniert recht ähnlich nur dass es statt Musik Workshops und Sessions zu feministischen Themen gibt und dass ich bisher niemanden der Teilnehmenden persönlich kannte, sondern nur aus dem Internet.

Diese Menschen aus dem Internet bedeuten mir viel. Die netzfeministische Community ist für mich von Anfang an ein bedeutender Wegbegleiter bei der Auseinandersetzung mit Feminismus, Geschlechterverhältnissen und Aktivismus und bei meinem Lernprozess in diesen und Bereichen mindestens so wichtig wie mein Studium der Gender Studies. Vielleicht sogar noch mehr. Sie ist mein Zugang zu praktischen Aspekten von dem, was ich theoretisch im Studium gelernt habe, zu Bewältigungsstrategien von Kackscheiße, zu Aspekten und Gedanken, auf die ich sonst nicht gekommen wäre. Und, ganz wichtig, sie gibt mir das Gefühl, nicht alleine zu sein mit einer Sichtweise und Problemempfindlichkeit, die oft von anderen unverstanden scheinen.

Die Menschen kennenzulernen, die hinter den Nicks, den Tweets und den Blogposts stecken, die Gesichter zu den Stimmen, die mich beim Kochen, Bahnfahren und Aufräumen begleiten und bereichern – war ganz schön aufregend. Die letzte Etappe im Zug verbrachte ich mit klopfendem Herzen. Und obwohl ich mich nicht immer getraut habe, auf alle zuzugehen mit denen ich mich gerne mal unterhalten hätte, habe ich viele tolle neue Bekanntschaften gemacht und mich die meiste Zeit sehr wohl gefühlt.

Gleichzeitig war ich auch oft recht angespannt. Die Auseinandersetzung mit Awareness auf dem Camp und die kritische Selbstreflexion des eigenen Verhaltens und Wirken auf andere in Zusammenhang mit der Diskussion komplexer, politischer und hoch aufgeladener Themen und einer recht großen Gruppe von Menschen, die ich kaum kannte, Sensibiltäten also im Zweifel schlecht einschätzen konnte – das war anstrengend. Ich denke, das diese Sorte „anstrengend“ und das daraus entstehende Unbehagen entstehen, wenn eigene Privilegien sichtbar gemacht, hinterfragt und bearbeitet werden, wie an dieser Stelle treffend beschrieben. Also eine sehr wichtige und konstruktive Art von Unbehagen. Awareness ist eben kein Ponyhof*.

Das ansonsten beeindruckenste, was ich von dem Camp mitnehme ist gar nicht mal die Diskussion eines bestimmten Themas (wobei da natürlich viel dabei war), sondern das Format des BarCamps selbst und seiner Sessions. BarCamp bedeutet, dass der Ablaufplan der Vernstaltung nicht vorher geplant wird und keine Redner_innen eingeladen, keine Themen festgelegt werden. Statt dessen entsteht die Struktur der Veranstaltungen vor Ort, Teilnehmende schlagen Sessions vor, die Diskussionen, praktisches Arbeiten, Basteln und Spielen, Inputs und viel mehr beinhalten können. Newbies wie mich hat das ein bisschen Eingewöhnung und Mut abverlangt (am zweiten Tag habe ich mich getraut, meine Masterarbeit vor- und zur Diskussion zu stellen). Aber ich habe dann schnell gemerkt, dass kaum jemand wirklich auf die angebotenen Sessions vorbereitet war – wichtiger war vielmehr, einen Raum für ein Thema zu schaffen, in dem Interessierte zusammen kommen und sich damit auseinandersetzen konnten.

Mich begeistert diese Möglichkeit, Themen die mich gerade beschäftigen, oder Fragen, an denen ich mich aktuell abarbeite bewußt zu thematisieren und im Austausch mit anderen zu bearbeiten, anstatt auf den nächsten Kneipenabend zu hoffen, bei dem „sich das mal ergibt“. Dieses Format möchte ich von dem Camp mitnehmen und in meiner Alltagswelt etablieren.

Was ich außerdem mitnehme: Lust am Sticken und der Vorsatz, dies zu oft zu tun, viele neue Menschen und viel mehr Traffic auf Twitter, das schöne Gefühl, in der Internetfeminismuswelt jetzt noch mehr zu Hause zu sein als vorher und jede Menge Stoff und Themen zum Nachdenken. Vielleicht mach ich hier ja mal einen Workshop dazu.

*Manchmal aber gleich neben einem. Höhö.

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Ein Kommentar zu GenderCamp 2012

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