Screw it!

Eine eigentlich unscheinbare Alltagsbeobachtung, Sekundenbruchteile.

Ich habe gestern bei einem Umzug geholfen. Weil ich für die Kernaufgabe von Umzügen – schwere Sachen viele Treppen hoch oder runter tragen – nur noch so mittelgeeignet bin, seit ich genau das wegen einer Knieverletzung reduzieren sollte, hatte ich die Aufgabe, eine große Holzplattform mit einem Akkuschrauber auseinanderzubauen.

Das hat Spaß gemacht, ich mag Akkuschrauber. (Besonders wenn die Alternative aus schweren Kisten und vielen Treppen besteht.) Was mir aber eindrucksvoll in Erinnerung geblieben ist, ist die Situation, dass ich eine besonders fest sitzende Schraube solange nicht herausbekommen habe, dass ein paar von den anwesenden Menschen, zu dem Zeitpunkt hauptsächlich Jungs, schon mit dem Hinauftragen fertig waren und Zeug_innen wurden, wie ich mich schließlich mit einem analogen Schraubendreher an dem festsitzenden Ding abmühte. Sie standen um mich rum, teilweise erschöpft von immerhin vier Stockwerken und vielen Kisten, teilweise ebenfalls mit Schrauben und Werkeln an dem Hochbett beschäftigt, während ich der hartnäckigen Schraube nur Millimeterbruchstücke abringen konnte und leise vor mich hin fluchte.

Erst als einer der Jungs zurückhaltend anbot, mich abzulösen und betonte, mir meine Problemschraubenbewältigungskompetenz aber nicht absprechen zu wollen, wurde mir klar, dass ich die ganze Zeit unbewußt aber unbeirrbar erwartet habe, dass genau das passiert. Dass einer von den Jungs(TM) mir angesichts meiner Unterlegenheit gegen das Metall den Schraubendreher aus der Hand nimmt und seine naturgegebene Körperkraft und Technikkompetenz dagegen anwendet. Nicht überheblich, nicht unfreundlich, aber doch unentrinnbar.

Die Menschen, die bei diesem Umzug anwesend waren, gehören ausnahmslos zu meinem queerfeministisch orientierten Freundeskreis; die meisten von ihnen sind schon viel länger in dieser Szene unterwegs als ich. Sie tragen „Kill Your Gender“T-Shirts, an deren Entwurf, Herstellung und Verteilung sie selber maßgeblich beteiligt waren, sie haben mir einiges von dem beigebracht was ich über antisexistisches Engagement weiß und in Seminaren diskutieren wir zusammen über Butler, Foucault und die heteronormative Matrix. Wenn wir miteinander reden teilen wir einen Konsens über geschlechtersensibles Sprechen, den ich fast nirgendwo anders so erwarten kann und gemeinsam bringen wir eine nette Vielfalt an nicht-heteronormativen Lebens- und Liebensentwürfen zusammen.

Und dass alles, unser schönes akademisch-aktivistisches superreflektiertes, kritisches  Geschlechterbewußtsein reicht – zumindest in meinem Kopf – genau bis zu einem verkanteten Stück Metall, 4 Zentimeter lang und augenscheinlich seinerseits um ein vielfaches widerständinger als ich selbst in Bezug auf Geschlechterrollen.

Ein winziger Moment, eine freundliche Bemerkung, eine Nachfrage anstelle des Anspruches mir etwas einfach aus der Hand zu nehmen haben mir sichtbar gemacht, dass ich auch in diesem reflektierten Kreis, nahezu ohne es zu merken, in der ständigen Erwartung lebe, dass mir selbstverständlich die Fähigkeit abgesprochen werden kann, eine bestimmte Aufgabe zu bewältigen.

Die Geschichte ist dann übrigens so ausgegangen, dass ich noch ein bisschen weiter gegen die Schraube angedreht, sie schließlich aber doch einer anderen Person überlassen habe. Jemand mit mehr Muskelkraft und Werkzeugerfahrung als ich, und zu dem Zeitpunkt auch frischer in Sachen Schrauben-Frustration. Zumindest habe ich mir das dann eingeredet. Männlich konnotiert auch, ja, aber das ist nur Nebensache. Oder?

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