Baby!

F. hat ein Kind bekommen. Es ist winzig klein, es macht herzerweichende, quietischige Geräusche, es hat eine begeisternd komische Mimik und es riecht unglaublich gut.  Es macht noch nicht viel mehr außer Schlafen, aber das macht es so gut, dass man ihm stundenlang dabei zusehen kann.

Gestern hatte ich es auf dem Arm, mein erstes Mal mit so einem kleinen Baby überhaupt. Ich weiß nicht sehr viel über Säuglinge und ein Neugeborenes in meinem unmittelbaren Umfeld zu haben ist sehr aufregend.

Es ist aufregend, die Welt in der F. und ich uns bewegen, durch den Und-das-Baby?-Filter zu betrachten: Wohin kann man ihn mitnehmen, wie sind die Regeln, was ändert sich? Wo gibt es eigentlich Stillräume?(„Weißt Du was? Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie ein Schild „Stillraum“ gesehen.“) Wie bindet man ein Bauchtuch? Darüber nachdenken, was für ein krasses und fragwürdiges Konzept Säugetiere eigentlich sind (Die Geburt, hallo? Stillen, hallo? Der Schlafmangel, die Schwangerschaft, das ganze Zeug. Mich fragt ja keiner, aber ich hätte nicht darauf getippt, dass sich das durchsetzt.) und wie viele Dinge es in Zusammenhang damit gibt, die einem niemand vorher erzählt, wie viel von meinem Halbwissen aus Filmen und Serien sich als Mythos entpuppt, der nix mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Ich bin hingerissen von dem kleinen Mensch und beeindruckt davon, wie viel Kraft seine Ankunft erfordert. Nicht, dass ich mir das nicht so hätte denken können oder schon wusste, aber es zu sehen, natürlich alles und immer mit der Perspektive irgendwann einmal selbst nicht nur die Beobachtende zu sein, ist etwas ganz anderes.

Aber noch viel mehr bringt mich zum Nachdenken. Wie F. erzählt dass ihr Krankenhaus den Service anbietet, Neugeborene beim Standesamt anzumelden und die Eltern so von etwas Papierkram und Behördengängen zu entlasten – das aber nicht für Alleinerziehende gilt oder Menschen die keine Staatsbürgerschaft haben. Logisch: Deutsche Paare sind natürlich die Gruppe, die am meisten Unterstützung benötigen. Wie das Thema „Staatsangehörigkeit“ und „Aufenthaltsgenehmigung“ Faktoren sind, die verhindern können, dass die Mutter das dringend benötigte Unterhaltsgeld bekommt. Wie Krankenhausformulare implizieren dass „die Frau bei dem Mann lebt“ (Dass beide zusammen leben oder der Mann bei der Frau? Ausgeschlossen!) oder „ihren Beruf noch nicht aufgegeben hat“. Hallo? Die Fünfziger haben angerufen und wollen ihr Weltbild zurück.

Mir ist klar, dass solche Dinge ihre systemeigenen Logik haben und dass es einen Grund gibt, warum das Krankenhaus und die Behörden sich so verhalten, der natürlich nicht reine Bosheit ist. Was dabei herauskommt aber, benachteiligt bestimmte Menschen so massiv, nach mitunter völlig absurden Kriterien. Das ist nicht die Welt in der ich leben möchte. Das muss überdacht werden.

Und mich bringt zum Nachdenken, wie stark ein so kleiner Mensch, der noch nicht mal weiß wie viele Füße er hat oder wie sich Erde anfühlt, schon eingebunden ist, in die Kategorien seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner Herkunft. Wie sehr auch ich vorher gespannt war, wie er nun aussehen wird, wie die Farben seiner Haut und seiner Augen, die er noch nicht mal richtig aufbekommt schon jetzt Thema sind und es wohl für immer sein werden. Wie ein Ankommen in unserer Welt, unserer Gesellschaft auch bedeutet, sofort von ihren Strukturen erfasst und eingebunden zu werden, noch bevor mal den Unterschied zwischen Fruchtblasenwasser und richtiger Luft einigermaßen verarbeitet, geschweige denn erfasst hat.

Aber jetzt ist er da. Ich freue mich wahnsinnig. Heute morgen, als ich meinen Tag damit beginnen wollte, verschlafen meinen Wecker zu verfluchen, ist mir eingefallen, dass ich viel mehr als drei Stunden geschlafen habe, ungestört und was für ein Luxus das ist. Ich freue mich darauf, Wickeln zu lernen und Spazieren zu gehen und mit meiner kleinen Kamera ein paar schöne Videos zu drehen, viele Fotos zu machen. Ich hoffe, der Mama eine kleine Hilfe und Entlastung sein zu können, angefangen bei den Emailfiltern, die ich gestern für sie eingerichtet habe, damit das Mails checken schneller geht. Ich freue mich auf den Unsinn, den wir uns einfallen lassen können, mit so einem kleinen Menschen. Und ich denke darüber nach ob ich den geplanten „This is what a Feminist looks like“ Strampler wirklich mit meiner Textilmalfarbe gestalten kann, oder ob das schlecht für Babysachen ist. Ööh. Tja. Keine Ahnung.

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3 Kommentare zu Baby!

  1. ameliese sagt:

    neue menschen willkommen heißen, das muss immer auch heißen, neue fragen zu stellen. ach, was für gute und wichtige fragen du stellst!

  2. Melion sagt:

    Spannend finde ich auch Überlegungen in Bezug auf die Ahnungslosigkeit eines so jungen Menschen. Und die damit verbundene Verantwortung der Eltern/des Elternteils und wie von der Gesellschaft eigentlich vorausgesetzt wird, dass man selbst dem neuen Menschen alles richtig beibringt… es würde beispielsweise schon spaßig sein, dem Kind das „Schaf“ als „Tisch“ näherzubringen und ihm Geschichten darüber zu erzählen, dass Zähne widerliche abgestorbene Teile des Gehirns sind, die nach 11 Monaten ausfallen…

  3. Profilbild von fiann fiann sagt:

    Das erinnert mich an eine Passage, die ich mal bei Foucault gelesen habe. Da beschreibt er die Geschichte von Institutionen wie der Schule und sinniert dann darüber, wie spannend es wäre, wenn man mal eine Gruppe Kinder in einer solchen Institution isolieren, ihnen Sachen wie „1+1=3“ beibringen könnte und dann gucken, was passiert. Nicht so nett eigentlich, aber solche Gedanken mal eben so nebenbei auszubreiten hat ihn mir auch sympathisch gemacht. 🙂

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