Workshop: Feminismus Schreiben Lernen

Ich habe gestern an einem Workshop teilgenommen: „Feminismus schreiben lernen: schreiben als politische Praxis“ von Lann Hornscheidt. Lann Hornscheidt ist Professor_in für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humbold Uni in Berlin und ist Teil des Arbeitskreises Feministische Sprachpraxis. Der widerum hat ein Buch herausgebracht, das genauso heißt wie der Workshop gestern: Feminismus Schreiben Lernen. (Weil mir grad nichts schlaueres einfällt, ein Link zu Amazon.)

Teilnehmende des Workshops wurden im Vorfeld gebeten, die Einleitung zu dem Buch zu lesen und milde verwundert darüber, dass ich offenbar in einer Phase bin, in der ich freiwillige Hausaufgaben gewissenhaft erledige, habe ich das auch gemacht.

Beim Lesen des Textes habe ich einen alten Bekannten wiedergetroffen, der sich schon lange nicht mehr bemerkbar gemacht hatte: Der alte Beißreflex, der beim Lesen von gendersensibler Sprachakrobatik, bei Abweichungen von sprachlichen Normen um diskriminierende und hierachisierende Strukturen von Sprache aufzudecken und zu dekonstruieren, auftauchen kann – der Impuls die Luft scharf einzuziehen und zu sagen „Najaaaa. Das ist jetzt aber wirklich… ganz schön… übertrieben?“

Den kenn ich noch. Von früher. Von der Zeit „davor“, vor den Gender Studies, vor den linken Uni-Räumen, vor dem Netzfeminismus, vor der täglichen Lektüre von Seiten wie der Mädchenmannschaft und den Sociolocial Images. Von der Zeit, bevor ich mir beim Lernen über strukturelle Hintergründe und Zusammenhänge von heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit, von Sexismus und Rassismus und den ganzen blöden Rest eine ganz neue Haltung zu der Bedeutung Politischer Korrektheit und ein ganz neues Vokabular zugelegt habe.

Ein Vokabular, in dem ich mich jetzt manchmal sogar schon einigermaßen trittsicher fühle – eben bis ich den oben genannten Text gelesen habe. Darin gehen die Autor_innen über den gefühlten Konsens meines netzfeministischen und universitären Umfeldes noch weit hinaus, erfinden neue Begrifflichkeiten wie „Typisierte“ und „Frauisierte“, „Androgenderung“ und „Dyke_Trans“ und sind genrell großzügig und experimentierfreudig in der Verwendung des Unterstriches, der vielfach Wortteile voneinander trennt und so auf Doppeldeutigkeiten hinweist. Ver_wendung. Habt Ihr schonmal bemerkt,  dass in Ver_Wendung die „Wendung“ drinsteckt? So etwa.

Gar nicht so einfach, also. Aber da ich dem Beißreflex und dem herablassenden „Najaaaaa“  in den letzten Jahren ja nun des öfteren auf der anderen Seite des Diskussions-Zaunes begegnet bin, hab ich es geschafft, ihn im Zaum zu halten und mich selber durchzubeißen. Im Workshop gestern hat di:er Refertent_in uns viel über die Hintergründe, die Gedanken hinter den Sprachkonzepten und die Entstehung des Buches erzählt.

Wichtig für mich und besonders prominent hängen geblieben: Sprache geht nicht in perfekt. Ich kann mir vielleicht ein Vokabular aneignen, mit dem ich besser als vorher in der Lage bin, Diskriminierungen zum umgehen oder sichtbar zu machen anstatt sie einfach selbstverstädlich fortzuschreiben, aber damit wird man nicht fertig – irgendwer bleibt immer ungenannt, jede Nennung festigt die Einteilung in Gruppen und die damit entstehende Problematik und wenn ich alles bedenken und mitsprechen will, wird die Gruppe derer, die mich verstehen können und wollen immer kleiner. (So wie ich mich jetzt auch gerade frage, wer überhaupt bis hier hin liest.) Es bleibt immer der Aspekt der Strategie: Worum geht es mir jetzt gerade, wo lege ich meinen Fokus?

Auch wichtig fand ich: Wenn ich spreche (oder schreibe) habe ich eine Vorstellung von der Person, an die ich mich wende. Bei diesem Blogtext, bei einem Tagebucheintrag oder bei einer Seminararbeit: Es gibt eine Idee von der potentiellen Leserschaft des Textes, die den Prozess des Schreibens beeinflusst. Und diese Idee widerum kann ich beeinflussen. Wie schreibe ich für Euch – denke ich Euch als feindseelig, als Verbündete und gutmütig, denke ich Euch als die, die genau verstehen was ich meine oder als die, für dich weiter ausholen und erklären möchte? Will ich Euch provozieren, überzeugen, ans Bein pinkeln oder gucke ich, was mit mir und meiner Sprache passiert, wenn ich Euch einfach Euch selbst überlasse und mich darauf konzentriere, diesen Text für mich zu schreiben?

Letzendlich komme ich wieder zu dem Punkt zurück, auf dem ich mich eigentlich auch schon „vor“ dem Feminismus in meiner Biographie recht wohlgefühlt habe: Hach, Sprache! Jedes Wort, jeder Satz, jeder Anlauf, etwas zu artikulieren was vorher nur im Kopf existiert hat, ist eine neue Möglichkeit und eine neue Herausforderung und fertig wird man ohnehin nie.

Um zu einem Ende zu kommen (für Euch, weil niemand Blogeinträge liest, die zu lang sind und für mich, weil ich heute auch noch was anderes machen möchte): Das war gut. Der Workshop jetzt. Wer bis hierhin mit allem etwas anfangen konnte, dem empfehle ich, die Lektüre des Buches mal in Erwägung zu ziehen und wenn Ihr mal Gelegenheit habt, Lann Hornscheidt zu diesem Thema sprechen zu hören, diese dann wahrzunehmen.

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8 Kommentare zu Workshop: Feminismus Schreiben Lernen

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Feministisch schreiben und flattrn – die Blogschau

  2. geneva sagt:

    rebloged auf meinem tumblr!
    http://thewaspinajar.tumblr.com/
    gruss g

  3. Pingback: Loved in Translation

  4. Christian sagt:

    D“er alte Beißreflex, der beim Lesen von gendersensibler Sprachakrobatik, bei Abweichungen von sprachlichen Normen um diskriminierende und hierachisierende Strukturen von Sprache aufzudecken und zu dekonstruieren, auftauchen kann – der Impuls die Luft scharf einzuziehen und zu sagen “Najaaaa. Das ist jetzt aber wirklich… ganz schön… übertrieben?”“

    Den sollte man sich durchaus bewahren, es schadet nie, eine gewisse Kritikfähigkeit zu behalten

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  8. narka sagt:

    ja, Kritikfähigkeit schon, aber ob es um die Frage nach Übertreibung gehen sollte?

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